Mängelexemplar TMM Band 2

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Leseprobe: 

Widmung

 

Von Cedric. Für dich.

An all die verlorenen Seelen da draußen,
die dachten, sie könnten einfach ein Buch aufschlagen und entspannt durch ein paar Seiten Psychowahnsinn spazieren.

Wie süß.

Dies hier ist kein Buch.
Dies ist ein Spiegel.
Und wenn du lange genug reinschaust, wirst du Dinge sehen, die du lieber nie gesehen hättest.

Ich widme dieses Werk jedem, der gerne in Abgründe blickt – und dabei vergisst, dass ich zurückblicke.
Mit einem Grinsen.
Und einem Messer.

Viel Spaß.
Du wirst ihn brauchen.

In tiefer Verachtung und mit einem Augenzwinkern,

Cedric

 

Prolog

 

Die erste Woche in Manhattan liegt hinter mir. Irgendwie ein komisches Gefühl. Mein Dad ist längst wieder weitergezogen – ich glaube, diesmal nach Deutschland. Oder war es Schweden? Ganz ehrlich, ich komme da schon lange nicht mehr mit. In den letzten zwölf Monaten waren wir in fünfzehn verschiedenen Ländern. Fünfzehn. Eine absurde Zahl, wenn man mal wirklich drüber nachdenkt. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich mein altes Leben einfach durch Flughäfen, Hotelzimmer und neue Sprachen ersetzt. Eine permanente Flucht im Tourismus-Modus.

Dennoch hat die ständige Bewegung geholfen. Wirklich. Es war eine willkommene Ablenkung – vor allem bei all dem, was passiert ist. Von all dem Schmerz, dem Chaos, den Dingen, die keiner so richtig aussprechen will. Aber irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich einfach nur ankommen wollte. Einen Ort finden, der sich – zumindest für den Moment – wie meiner anfühlt. Und genau deshalb habe ich gesagt, dass ich in Manhattan bleiben will.

Manhattan ist... irgendwie anders. Laut, schnell, irgendwie atemlos, aber gerade das gefällt mir. Diese Stadt gibt mir das Gefühl, verschwinden zu können, aber auf eine gute Art. Hier kennt mich niemand. Hier ist niemand, der mich mit mitleidigen Blicken mustert oder mir diese Fragen stellt, die keiner wirklich aussprechen will. Hier bin ich keine Geschichte, kein Flüstern in den Fluren, kein Zeitungsartikel.

Wäre ich in Southampton geblieben, wäre ich weiterhin das Mädchen gewesen. Das Mädchen, wegen dem fünf Menschen gestorben sind. Das Mädchen, das ihren Freund getötet haben soll – auch wenn nie eine Leiche gefunden wurde. Vielleicht auch das Mädchen, wegen dem die eigene Mutter auf grausame Weise ermordet wurde. Ich weiß nicht, wie viele Versionen von mir durch die Köpfe der Leute dort geistern. Aber keine davon war ich.

Ich wollte schon immer weg. Schon lange bevor all das passiert ist. Southampton war nie mein Zuhause. Es war ein Ort, an dem ich funktionieren musste, nie einer, an dem ich ich selbst sein konnte. Und dann kam all das. Die Katastrophen. Der Schmerz. Der Horror. Ich war plötzlich die Hauptfigur in einem Albtraum, den ich nie gewählt hatte. Und ich habe keine Ahnung, was das aus mir gemacht hat.

Bin ich ein Opfer? Eine Täterin? Oder irgendetwas dazwischen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich nicht vollständig fühle. Da ist diese Leere in mir – ein dumpfer Raum, der manchmal so laut ist, dass es wehtut. Aber ich habe beschlossen, dass es jetzt vorbei ist. Ich will nicht mehr still sein, nicht mehr weglaufen. Ich will leben. Richtig leben.

Nicht mehr als Denise, das Mädchen, das gemobbt, ausgelacht, übersehen wurde. Sondern als Denise, die überlebt hat. Die Dinge durchgestanden hat, die niemand durchstehen sollte. Ein Mädchen mit einem gebrochenen Herzen. Ein Mädchen, das einem Menschen vertraute, der sie töten wollte. Und doch bin ich noch hier. Ich atme. Ich gehe weiter. Ich bin nicht mehr die Gleiche, aber ich bin auch nicht zerstört.

Manhattan soll mein Neuanfang sein. Mein Reset-Knopf.

Ich habe angefangen, in einem kleinen Café bei mir um die Ecke zu kellnern. Es ist nichts Großes, aber es gibt mir Struktur. Ich verdiene mein eigenes Geld, auch wenn mein Dad mich erstmal noch finanziell unterstützt. Und ja, ich bin ihm wirklich dankbar dafür. Ohne ihn wäre ich nie an diesen Punkt gekommen. Er lässt mich los, aber fängt mich gleichzeitig auf, wenn ich falle. Es ist kompliziert mit uns geworden, aber ich weiß, er ist immer für mich da. Und nur das zählt.

Das Café ist gemütlich, irgendwie schäbig, aber vor allem charmant. Die Besitzerin heißt Jaqueline und trägt fast immer bunte Tücher im Haar. Sie redet schnell, raucht zu viel und hat ein Lachen, das den ganzen Raum füllen kann. Ich glaube, sie weiß, dass ich irgendetwas hinter mir habe – aber sie fragt nicht. Und das ist genau das, was ich gerade brauche. Keine Fragen. Keine neugierigen Blicke. Nur Kaffee, Gäste und ein bisschen Alltag.

Ich weiß nicht, wohin das alles führt. Ich habe keinen großen Plan. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich mein Leben nicht wie in Zeitlupe an.

Sondern wie Bewegung – echte, innere Bewegung. Ich will herausfinden, wer ich jetzt bin. Ob ich noch etwas in mir trage, das Licht verdient hat. Und vielleicht, ganz vielleicht, fängt mein neues, anderes Leben hier an, mitten in Manhattan.


Kapitel Eins Denise

Diese neue Routine gefällt mir von Tag zu Tag immer mehr. Ich habe einen Grund aufzustehen, auch wenn es nur ein kleiner Job als Kellnerin in einem Café ist. Es ist ein erster Schritt in Richtung Normalität. Mit einem Lächeln auf den Lippen stehe ich auf und schlage meine Bettdecke zum Auslüften auf, gehe rüber zu meinem Fenster und öffne es.

Eigentlich sollte mich frische Luft empfangen, aber das Einzige was mir entgegen kommt, ist der Geruch von Abgasen. Der Nachteil, an einer Stadt wie Manhattan. Vermutlich ist es das, was ich als einziges an Southampton vermisse, die frische und angenehme Luft. Aber es nützt nichts, ich muss dennoch ein wenig durchlüften. Auf dem Weg ins Badezimmer, halte ich in der Küche und schalte die Kaffeemaschine ein und warte auf meinen ersten Kaffee am Morgen. Den zweiten gibt es dann im Café, mit einem leckeren Frühstück. Jaqueline, meine Chefin hat mir angeboten morgens schon etwas früher zu kommen, um dann mit ihr gemeinsam zu frühstücken. Sie sagt, alleine frühstücken macht weniger Spaß. Dankend habe ich ihr Angebot angenommen, da ich in letzter Zeit nicht viel gegessen habe. Aber zu einem Neustart gehört auch, Gewohnheiten abzulegen und mit neuen zu beginnen. Als der Kaffee durchgelaufen ist, nehme ich meine Tasse, fülle einen großen Schluck Milch hinzu, setze mich an meinen Esstisch und tippe meine morgendliche Nachricht an meinen Dad:

Guten Morgen Dad, ich wünsche Dir einen schönen Tag, wenn du später wach bist. Hab dich lieb

 

Dann lege ich mein Handy wieder beiseite. Ich glaube, bei ihm müsste es noch mitten in der Nacht sein, weswegen ich jetzt auf keine Antwort hoffen brauche und für andere Sachen nutze ich mein Handy nicht. Zwei Nummern sind eingespeichert, mein Dad und die Nummer von Jaqueline. Mehr soziale Kontakte habe ich nicht, aber auch das will ich ändern. Die neue Denise möchte Freunde haben und ja vielleicht treffe ich hier in Manhattan einen netten jungen Mann, der mein Interesse wecken könnte. Ich darf nicht die ganze Zeit in Angst leben, dass jeder Junge so ist wie Dean. Und da sind sie wieder, diese Gedanken an ihn. Ich würde so gerne loslassen können, aber immer wenn sein Name in meinen Kopf erscheint denke ich an seine Augen, wie er mich hat fliegen lassen, auch wenn sein Psycho alter Ego mich töten wollte. In den letzten zwölf Monaten habe ich mich sehr viel mit dem Thema multiple Persönlichkeiten beschäftigt und so spannend dieses Thema auch ist, wenn man um sein Leben fürchten muss, ist es nicht spannend, sondern ein Albtraum. Es ist der Albtraum, der die krassesten Thriller oder Horror Filme oder Bücher schreibt. Ist mein Leben ein Film? Oder ein beschissenes Bestseller Buch? Ich schüttle den Kopf, ich darf nicht wieder zu sehr in meinen Gedanken verschwinden. Ich stelle meine Tasse auf den Tisch und mit einem schnellen Ruck stehe ich auf, »NEIN…«, sage ich mir laut, »ich lebe. Ich habe überlebt und jetzt verdammte scheiße, werde ich richtig anfangen zu Leben.« Hmm, vielleicht sollte ich mal abends ausgehen, in einen Club oder in eine Bar. Wie kann man sonst in so einer Stadt neue Kontakte knüpfen. Ach fuck, das geht ja gar nicht. Ich bin noch keine 21. Das ist der Nachteil hier. In Southampton hätte ich schon in einen Club gekonnt. Aber wer nichts wagt der nichts gewinnt, ich werde es trotzdem versuchen. Mit dem richtigen Outfit und Make-up, werde ich schon aussehen wie 21. Es ist beschlossene Sache. Ich werde heute Abend ausgehen, jedoch muss ich mir vorher noch ein geeignetes Outfit kaufen. Denn in meinen Kleiderschrank werde ich definitiv nichts passendes finden. Trotz der Zweifel freue ich mich auf den Abend . Es wird ein langer Tag, vielleicht ist nicht viel los und Jaqueline lässt mich früher gehen, wenn ich ihr erzähle, was ich vor habe. Ich gehe zurück in mein Schlafzimmer und schließe das Fenster und sprühe einmal mit dem Lufterfrischer durch den Raum. Abgas Geruch verwandelt sich in frischen Lilien Duft. »Das ist doch gleich viel angenehmer«, sage ich und hole mir etwas frisches zum Anziehen und Handtücher aus dem Schrank für eine schnelle Dusche. Grundsanierung folgt dann später am Abend.«, sage ich zu mir selbst. Es wird Zeit, für andere soziale Kontakte, damit ich nicht mehr so oft Selbstgespräche führen muss, lache ich über mich selbst, stelle mich unter die Dusche und mache mich fertig für den Tag. Ein wenig Mascara noch und schon kann es losgehen. >>Du bist eine starke, unabhängige Frau<<, murmle ich mein tägliches Mantra, schnappe mir mein Handy und meine Tasche und verlasse meine Wohnung. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass ich noch gut in der Zeit bin. Das Café ist nur zwei Straßen weiter. Einen besseren Arbeitsweg kann man nicht haben.