Mängelexemplar TMM Band 1
€12.00
Ausverkauft
Leseprobe:
Trigger Warnung
Dieses Buch ist nichts für Zartbesaitete. Hier gibt es keine geschönten Wahrheiten, keine sanften Auswege. Stattdessen: Mobbing, Mord, Folter. Entführung, Manipulation, Vergewaltigung (nicht zwischen Love Interests). Verstümmelung, blutige Details, Grauen in seiner reinsten Form. Psychische Abgründe, die manch einer lieber nicht betreten würde. Und ja – auch Kindermorde.
Das hier ist keine harmlose Geschichte. Sie kann wehtun. Sie kann nachhallen. Also überlegt euch gut, ob ihr euch ihr wirklich stellen wollt.
Falls ja – willkommen. Ihr gehört hierher.
Widmung
Für alle, die im Leben Schmerz und Ablehnung erfahren haben – ihr seid stärker, als ihr glaubt. Eure Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Prolog
Der Regen prasselt unaufhörlich auf die Straßen und zieht silberne Schlieren über den Asphalt. Die Stadt wirkt müde, ausgewaschen, als hätte jemand ihre Farben genommen und nur noch Grautöne übriggelassen. Tropfen klatschen gegen die Fenster, laufen an rostigen Regenrinnen hinunter und versickern in den Rissen der Gehwege. Der Geruch von nassem Beton vermischt sich mit abgestandenem Zigarettenrauch und etwas anderem – etwas Schwerem, das in der Luft liegt und nicht dorthin gehört. Als hätte die Stadt selbst ein Geheimnis, das sie für sich behalten will.
Ich stehe da, die Hände tief in den Taschen meiner Hose vergraben, als könnte ich mich so von der Kälte abschirmen, die sich in meine Knochen frisst. Mein Hemd klebt mir feucht am Rücken, meine Brille rutscht mir immer wieder von der Nase, aber ich lasse sie. Mein Blick bleibt an der Pfütze vor mir hängen. Ich beobachte, wie sich das Licht der Straßenlaterne auf der Oberfläche spiegelt. Es zittert, verzerrt sich, wird vom Regen immer wieder unterbrochen. Wie ein Bild, das nie ganz vollständig ist. Genau wie wir. Genau wie alles hier.
Dean lehnt an der Backsteinwand neben mir. Der Regen scheint ihn nicht zu kümmern. Er sieht aus, als wäre er aus einer anderen Zeit gefallen, als könnte ihn nichts wirklich berühren. Sein Gesicht ist ausdruckslos, aber die Zigarette zwischen seinen Fingern dreht er langsam hin und her, ohne sie anzuzünden. Er tut das immer – kleine Bewegungen, bedeutungslos und doch voller Bedeutung. Als würde er auf etwas warten, das nie kommt.
»Sie war wunderschön«, sagt er plötzlich, leise, fast schon sanft. »Nicht so wie diese Mädchen, die sich für was Besseres halten. Sie hatte … was Echtes an sich. Etwas, das man erst erkennt, wenn es zu spät ist.«
Mein Magen zieht sich zusammen. Ich schlucke, versuche, das Bild in meinem Kopf zu verdrängen, aber es bleibt. Zu spät. Wann ist es zu spät? Und wie viele merken es erst, wenn sie schon mittendrin sind?
»Hat sie geschrien?« Meine eigene Stimme klingt fremd, leise, fast so, als wäre sie gar nicht meine.
Dean lacht. Es ist kein echtes Lachen. Kein glückliches. Nur ein dumpfer Laut, leer und bedeutungslos. »Natürlich«, sagt er. »Erst vorsichtig. Dann panisch.« Eine Pause. »Aber dann … dann hat sie zugehört.«
Meine Finger verkrampfen sich in meinen Taschen. Ein Zittern erfasst meinen Körper, aber der Regen macht es leichter, es zu ignorieren. So wie alles andere. »Du solltest beim nächsten Mal mitkommen«, meint Dean, als wäre es ein freundschaftlicher Rat. »Es ist … ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Befreiend. Wie ein Lied, das du kennst, aber nie bis zum Ende gehört hast.«
Ich sage nichts. Ich will nicht, dass diese Worte sich in meinem Kopf festsetzen, aber sie tun es trotzdem. Dean sieht mich an, als könnte er genau lesen, was ich denke. Dann lächelt er. Kein freundliches Lächeln. Es ist das Lächeln von jemandem, der sich selbst am meisten gefällt. »Wir sind ein gutes Team«, sagt er so leise, dass es eher ein Flüstern ist. Fast ein Versprechen. »Du öffnest die Tür … und ich schließe sie.« Die Worte hängen in der Luft wie ein Echo, das nicht verschwinden will. Ich kenne das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Und es ist nicht das erste Mal, dass ich in dieser Dunkelheit stehe und mich frage, ob ich jemals wieder hinausfinden werde.
Ein Blitz zuckt über den Himmel und taucht die Gasse für einen Moment in grelles Licht. In der Pfütze vor mir sehe ich unsere Schatten – zwei Gestalten, nebeneinander, und doch getrennt durch etwas, das immer zwischen uns stehen wird. Dann ist das Licht weg und die Dunkelheit verschlingt uns wieder vollständig.
Kapitel 1 Denise
Die kalte Nachtluft kriecht durch meine viel zu dünne Jacke, während ich vor dem Kinoeingang stehe. In meiner linken Hand halte ich ein großes Popcorn, in der rechten eine Cola – beides kommt mir plötzlich so lächerlich vor, dass ich es am liebsten einfach fallen lassen würde. Aber ich bleibe stehen. Wartend. Wie erstarrt, während die Minuten vergehen und meine Hoffnung mit jeder Sekunde schwindet.
Vielleicht haben sie sich nur verspätet. Vielleicht ist es ein Missverständnis, und gleich biegen sie um die Ecke, lachend und mit Entschuldigungen auf den Lippen. Doch tief in mir weiß ich es besser. Ich weiß, dass niemand kommen wird.
Mein Blick gleitet zum Handy, welches ich aus der Tasche ziehe. Keine Nachrichten. Keine Anrufe. Nichts. Stille. Die gleiche Stille, die mich schon seit Jahren umgibt – nur diesmal ist sie lauter, schmerzhafter. Ich hätte es ahnen müssen, hätte die Zeichen längst sehen sollen. Ich war nie wirklich ein Teil von ihnen gewesen. Nur das fünfte Rad am Wagen, der Lückenfüller, diejenige, die man ruft, wenn niemand sonst verfügbar ist.
Aber heute? Heute fühlt es sich an wie Verrat. Sie wissen, dass dieser Tag wichtig für mich ist, und trotzdem hat keiner den Anstand, abzusagen. Stattdessen haben sie mich einfach stehen lassen – allein, mit einem Kinoticket in der Tasche und einer mickrigen Hoffnung im Herzen. Um mich herum lachen die Menschen, Paare und Freunde schlendern Arm in Arm an mir vorbei. Und ich stehe da, erstarrt in meiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Soll ich reingehen und den Film allein ansehen? Oder einfach nach Hause gehen und so tun, als hätte dieser Tag nie existiert?
Ich trete einen Schritt zurück. Plötzlich scheint die Welt um mich herum riesig, und ich selbst werde immer kleiner. Der Gedanke, mich allein in einen dunklen Kinosaal zu setzen, ist zu erdrückend. Sie haben gewonnen – die Welt hat gewonnen. Ich werde nach Hause gehen, mich in meinem Zimmer verkriechen und hoffen, dass der nächste Tag weniger wehtut. Doch bevor ich mich abwenden kann, höre ich eine Stimme neben mir.
»Hey…«
Langsam drehe ich mich zur Seite und sehe ihn. Einen Jungen, etwa in meinem Alter, mit Hornbrille und die Hände tief in seiner Jackentasche vergraben. Seine Augen wirken nervös, als würde er überlegen, ob es klug gewesen ist, mich überhaupt anzusprechen.
»Du siehst so traurig aus«, sagt er zögernd. »Ist alles in Ordnung?« Normalerweise hätte ich so eine Frage ignoriert. Was soll ich schon sagen? Aber an diesem Abend, an meinem beschissenen Geburtstag, bricht etwas in mir. Ich zucke die Schultern und zwinge mich zu einem Lächeln, das sich jedoch falsch anfühlt.
»Heute ist mein 18. Geburtstag. Eigentlich wollte ich mit meinen Freunden einen Film anschauen… aber sie sind nicht gekommen.«
Seine Augen leuchten für einen Moment auf – aus Mitgefühl oder vielleicht Verständnis, ich bin mir nicht sicher. Er wirkt nicht wie die anderen. Nicht cool, nicht laut, kein Mensch, der einen Raum mit seiner bloßen Anwesenheit füllen kann. Er ist… anders. Vielleicht sogar genauso anders wie ich.
»Das tut mir leid, mein Name ist Ayden… und ehm Happy Birthday, trotzdem«, sagt er leise. »Ich wollte mir auch einen Film anschauen. Vielleicht… vielleicht könnten wir zusammen einen Film ansehen?«
Ich zögere. Soll ich das wirklich tun? Mit einem Fremden ins Kino gehen, an meinem 18. Geburtstag? Aber was habe ich zu verlieren? Meine „Freunde“ haben mich längst im Stich gelassen. Und vielleicht, nur vielleicht, wird es mir besser gehen, wenn ich den Abend nicht allein verbringe.
»Dankeschön, ja… danke und hi, ich heiße Denise«, sage ich schließlich und folge ihm in Richtung Eingang. Ich weiß nicht, wer er ist oder warum er sich überhaupt für mich interessiert, aber in diesem Moment ist es mir egal. Alles, was zählt, ist, dass ich erstmal nicht allein bin. Doch während wir das Kino betreten und die Dunkelheit uns verschluckt, ahne ich nicht, dass diese Begegnung der Anfang von etwas ist, das ich niemals hätte kommen sehen können. Eine Geschichte, die mich an den Rand des Abgrunds treiben wird – und vielleicht darüber hinaus.
Denn manchmal ist das, was uns Trost bietet, auch das, was uns am tiefsten verletzt.
Der Film ist wirklich heftig. Blut, Schreie, dunkle Szenen – genau das, was ich mir an meinem beschissenen Geburtstag gewünscht habe, um den Kopf freizubekommen. Aber Ayden? Ayden scheint den falschen Film erwischt zu haben. Jedes Mal, wenn eine besonders brutale Szene kommt, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie er nervös auf seinem Sitz herumrutscht oder sich die Hände vors Gesicht hält. Fast schon amüsant, wie dieser Nerd mit seiner Hornbrille in einem Horrorfilm gelandet ist, während die meisten anderen Zuschauer den Nervenkitzel zu genießen scheinen.
Auf der Leinwand jagt eine Frau mit blutigen Füßen durch die Dunkelheit. In der Ferne ertönt ein Geräusch – metallisch, schleifend, wie eine rostige Klinge über Beton. Die Kamera zoomt auf ihr Gesicht, auf die pure Panik in ihren Augen. Ich merke, wie sich meine Finger fester um den leeren Popcorneimer schließen.
Dann der erste Jumpscare. Ein Schrei, eine groteske Fratze, die urplötzlich aus dem Nichts auftaucht. Ayden zuckt so heftig zusammen, dass er beinahe sein Getränk verschüttet. Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht zu grinsen. Irgendwie ist das… süß.
Die nächsten 90 Minuten sind ein Rausch aus Blut, Schatten und Dunkelheit. Türen schließen sich von selbst, Körper verschwinden, und immer wieder schleicht sich das dieses leise Kratzen unter meine Haut und beschert mir eine Gänsehaut, auch wenn es kaum zu hören ist, dass tief aus den Lautsprechern hallt, kaum hörbar, aber dennoch unüberhörbar. Der Film spielt mit uns, zieht uns immer tiefer in seinen Strudel aus Angst und Paranoia. Als das Licht schließlich wieder angeht, brauche ich einen Moment, um mich zu fangen. Mein Herz pocht, meine Hände sind kalt. Neben mir sitzt Ayden, die Brille halb von der Nase gerutscht und die Schultern hochgezogen, als hätte er gerade einen Überlebenskampf hinter sich. Ich kann nicht anders – ich lache leise. Er versucht immer noch tapfer zu wirken, aber ich bemerke es trotzdem: Er hatte den gesamten Film über Angst. Vielleicht ist er wirklich nur wegen mir hiergeblieben. Allein der Gedanke lässt mich kurz lächeln – ein ungewohntes, ehrliches Lächeln, das ich an diesem Abend nicht mehr erwartet habe. Auch wenn der Film vorüber ist, bleiben wir noch im Barbereich des Kinos sitzen, anstatt direkt nach Hause zu gehen. Und ich muss sagen, es ist sehr angenehm, noch etwas Zeit mit ihm zu verbringen. Ich habe schon lange keine richtigen Gespräche mehr mit jemandem geführt, der echtes Interesse an mir zu haben scheint. Denn die meisten sind eher gezwungen, enthalten nur oberflächlichen Smalltalk und es werden die meiste Zeit nur sinnlose Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht.
»Ich bin vor drei Wochen hergezogen,« sagt Ayden, während er seine Cola umrührt. »Mein Dad hat einen neuen Job hier in South Hampton bekommen. Wir haben vorher in einem kleinen Kaff bei London gewohnt.« Seine Stimme klingt ruhig, aber ich spüre, dass der Umzug ihm nicht leichtgefallen ist.
»Und du bist mitgekommen?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Ich meine, du bist doch schon… wie alt bist du nochmal?« »Siebzehn.« Er zuckt mit den Schultern. »Ja, ich hätte alleine bleiben können, aber… mein Dad und ich haben ein gutes Verhältnis. Er hat mich allein großgezogen. Ich dachte, warum nicht? Außerdem…« Er hält kurz inne, als würde er überlegen, ob er weitersprechen soll. »Außerdem wollte ich mal raus. Irgendwas Neues sehen.«
Ich nicke und überlege, was ich darauf sagen soll. Er ist definitiv nicht wie die Typen, die ich sonst kenne. Keine großen Sprüche, kein Machogehabe. Einfach… ein netter Junge. »Ich wohne auch noch bei meinen Eltern,« sage ich schließlich. »Solange ich noch zur Schule gehe, bleibt das wohl auch so.« »Und danach?« Seine Augen mustern mich neugierig, als würde meine Antwort wirklich eine Rolle für ihn spielen. »Danach?« Ich grinse schief. »Danach will ich weg. Paris, Mailand… vielleicht sogar Australien.« »Australien? Ernsthaft?« Seine Augen weiten sich leicht. Zum ersten Mal wirkt er weniger nervös und mehr neugierig.
»Ja, aber…« Ich seufze und nehme einen letzten Schluck von meiner Cola. »Da gibt’s diese riesigen Spinnen. Die könnten das Ganze ruinieren.«
Ayden lacht leise, ein warmes, ehrliches Lachen. »Dann lass Australien vielleicht besser aus.«
Für einen Moment schweigen wir. Doch es ist kein unangenehmes Schweigen. Es fühlt sich fast… normal an. Allerdings kommen mir leichte Zweifel. Diese Ruhe, diese perfekte Zufälligkeit, sie ist zu glatt. Und ich bin nicht jemand, dem das Leben perfekte Abende schenkt. Vielleicht ist es nur mein über Jahre aufgebauter Pessimismus. Vielleicht ist es meine Unsicherheit, die mir immer einflüstert, dass Menschen nie das sind, was sie vorgeben zu sein. Aber an diesem Abend lasse ich es einfach so stehen. Kein Misstrauen, keine Fragen, keine Zweifel.
Es ist mein 18. Geburtstag, und zum ersten Mal fühle ich mich nicht wie das fünfte Rad am Wagen.
Chrissy Zane
Autorin
chrissy.zane.author@web.de
© 2024. All rights reserved.
