Mängelexemplar Frozen Band 1

€12.00

Ausverkauft

Leseprobe: 

Widmung

Für die, die wissen, dass Liebe nicht immer Licht bedeutet.
Manchmal ist sie ein Sturm – und wir tanzen mitten darin.

 

 

 

Prolog

»Liora Vexley, ich weiß, ich kann Ihnen die verlorenen Jahre nicht zurückgeben, und ich weiß, dass die Entschädigungssumme dies auch nicht tun wird, aber ich wünsche mir für Sie, dass Sie hier herausgehen und anfangen zu leben. Wir haben Ihnen vorübergehend eine kleine Wohnung und einen Job besorgt, damit Sie wieder Fuß fassen können. Sie können jetzt noch ein letztes Mal in Ihre Zelle und all Ihre Habseligkeiten herausholen. Ihre Sachen, die Sie bei der Verhaftung abgeben mussten, bekommen Sie selbstverständlich auch wieder.«

Er spricht mit mir wie ein verunsicherter Lehrer, der einem Kind die besten Wünsche mit auf den Weg gibt, als ob das alles irgendwie einfach wäre. Aber was hat er mir wirklich gegeben? Ein paar Sätze, die an mir abprallen. Zehn Jahre… zehn verdammte Jahre, die mir niemand zurückgibt. Zehn Jahre, die mir nicht nur die Freiheit genommen haben, sondern auch so viele Teile von mir selbst. Ich war dreizehn als ich hierher kam. Ich war noch ein Kind, das keiner je gefragt hat, ob es überhaupt weiß, wie man ein Leben führt. Und jetzt? Jetzt soll ich „ein Leben anfangen?“ Mit was? Ein paar verlorenen Jahren, einem Haufen Geld, das mich nicht weiterbringt, und einer Wohnung, die ich nicht will und einem Job, der für mich wie ein schlechter Witz klingt?

Der Richter redet weiter, aber ich kann seine Worte nicht greifen. »Ich verstehe, dass all das sehr hart für Sie sein muss«, sagt er, und ich habe das Gefühl, als könnte ich ihm ins Gesicht lachen. »Aber ich verspreche Ihnen, wir lassen Sie nicht alleine. Sie bekommen eine Betreuerin an die Seite gestellt, die Ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht.« Rat und Tat? Was soll mir eine Betreuerin helfen, wenn sie mir nichts zurückgeben kann, was mir wirklich fehlt?

Der Raum fühlt sich plötzlich viel zu groß an, und seine Worte klingen wie leere Versprechungen, die an mir abprallen. Es fühlt sich an, als würde ich gerade von etwas abgeholt werden, als wäre ich immer noch eine Nummer, ein Fall, der endlich abgeschlossen wird, damit er den Schrank schließen kann. Der Richter erhebt sich, alle anderen im Raum folgen ihm wie Marionetten, die sich auf ein Kommando bewegen. Die Tür wird hinter ihnen geschlossen, und ich bleibe dort stehen. Alle haben mich verlassen, die einzigen, die sich für mich interessiert haben, als ich noch „die Mörderin“ war. Aber jetzt… jetzt gibt es keinen Moment der Gnade, keinen Moment, der mir sagt, dass ich es geschafft habe. Nur Stille.

Der Wärter, der mich nun zurück in meine Zelle bringt, sieht mich nicht an.

Als wir die Zelle erreichen, ist Amanda bereits dort, auf ihrem Bett liegend, den Blick auf mich gerichtet. Sie sieht mich an, und ich kann sehen, dass sie etwas in meinen Augen erkennt, das ich noch nicht fassen kann. Sie fragt nichts, sie sagt nichts. Sie sieht nur, wie ich in den Raum stolpere, als wäre ich durch einen Nebel aus Taubheit und Schock gewandert. »Was ist los, Liora?« fragt sie, und ich brauche einen Moment. Es gibt keine richtigen Worte, die das beschreiben können. Kein „Ich bin frei“, kein „Es ist vorbei“. Keine dieser Sätze passt in meinen Kopf. Stattdessen wird mir bewusst, dass dieser Raum jetzt endgültig ein Fremder für mich ist.

»Sie ist frei. Sie ist unschuldig und darf jetzt gehen. Sie ist nur noch einmal hier, um ihre paar persönlichen Gegenstände zusammenzupacken, und dann sind wir auch wieder weg«, sagt er mechanisch, als ob er gerade einer Routine folgt, die ihm genauso gleichgültig ist wie alles andere hier.

Ich packe meine Sachen nicht. Es gibt nichts, was ich von hier mitnehmen will. Nichts, das mir wirklich gehört. Diese Zelle war nie mein Zuhause. Es war ein Ort, an dem ich überlebt habe, nichts weiter. Ein Platz, an dem ich wie ein Tier eingesperrt war. Eine Zelle, in der ich in den letzten Jahren nie wirklich „Liora“ war, sondern nur das, was man aus mir gemacht hat. Ich lasse alles hier, als würde ich mich endgültig von der Vergangenheit lösen.

Vielleicht ist das das Beste. Vielleicht muss ich alles loslassen, damit ich neu anfangen kann. Damit es mir nicht wie ein Ballast hinterherhängt. Denn was bleibt, wenn du zehn Jahre verloren hast? Was bleibt, wenn du dich in all den Jahren nicht einmal gefragt hast, ob du jemals wieder etwas anderes als die „Mörderin“ sein kannst?

Ich drehe mich zu Amanda um. Sie blickt mich an, vielleicht ist sie die einzige, die das versteht, auch wenn sie nicht in meiner Haut steckt. Sie ist für die anderen die „Verrückte“, die Mörderin, die ihre Familie getötet hat, aber für mich war sie immer wie eine große Schwester. Sie hat mich beschützt, mich stark gemacht, als andere dachten, ich sei zu schwach. Zu jung. Zu unschuldig. Ich habe ihr mehr zu verdanken, als Worte je ausdrücken könnten.

Ich gehe zu ihr, nehme sie in den Arm, halte sie fest, als wäre sie das Letzte, was ich in dieser Welt wirklich besitze. »Ich werde dich besuchen, versprochen«, flüstere ich. Und irgendwie klingt es nicht wie ein leeres Versprechen. Es klingt wie etwas, das ich tun muss, um zu überleben. Sie nickt, ihre Augen glänzen, und sie drückt mich fester an sich.

Dann lasse ich sie los und drehe mich um. Es ist Zeit, zu gehen. Zeit, diesen Ort hinter mir zu lassen. Ohne mich noch einmal umzudrehen. Keine Tränen, keine Blicke zurück. Aber was kommt jetzt? Was passiert, wenn du nichts mehr hast außer deiner Freiheit, aber keine Ahnung hast, was du mit ihr anfangen sollst.


Kapitel 1 Liora

Alter… Was zur Hölle ist das hier? Ich steh in dieser Wohnung – wenn man das überhaupt so nennen kann – und frag mich ernsthaft, ob das ein schlechter Scherz sein soll. Wo bin ich hier gelandet? Ist das irgendein mieser Abstellkammer-Albtraum? Wo sind die versteckten Kameras? Die Wände bröckeln, der Boden klebt, und alles wirkt, als hätte man es seit hundert Jahren nicht mehr angefasst. Ich mein… ich hab echt keine hohen Ansprüche, aber das hier? Das ist der letzte Dreck. Ehrlich, meine Zelle war gemütlicher – und das sagt schon alles. Und dann dieser Geruch. Bäh. Irgendwas zwischen altem Müll, nasser Hund und... keine Ahnung, Verwesung?! Ich halt mir automatisch die Hand vor mein Gesicht, aber das bringt nix. Der Gestank kriecht überall rein. Ich muss wissen, wo das herkommt. Vielleicht ist hier echt irgendwas verreckt.

Ich geh rüber zum Fenster, zieh es auf – oder versuch’s zumindest, weil natürlich klemmt das blöde Ding – aber irgendwann gibt es nach und ich reiße es auf. Endlich. Frische Luft. So halb zumindest. Aber hey, besser als vorher. Ich lehn mich ein Stück raus, atme tief durch und denk mir nur: Was tun sie mir hier bloß an?

Unter mir soll die Bar sein, in der ich morgen früh beim Putzen helfen soll. Super, echt toll. Vom Regen in die Traufe, von einem Loch ins nächste. Aber was soll’s, ich weiß, sobald ich hier offiziell rauskomme, bin ich weg! Ganz sicher. Ich hab auf dem Weg hierher, im Taxi, schon darüber nachgedacht – Texas hält mich sowieso nicht mehr. Meine Familie hat mich im Stich gelassen und ist einfach verschwunden. Ich vermisse meinen kleinen Bruder, keine Frage. Aber wo sollte ich ihn finden? Und ob sie wissen, dass ich jetzt doch nicht schuldig bin? Ob sie überhaupt wissen, dass ich wieder frei bin? Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, sind mir meine Eltern inzwischen sowas von egal.

Ich schmeiße meine Tasche erstmal auf das Sofa, was auch nicht viel besser aussieht als der Rest der Wohnung, und denke mir, dass ich jetzt erstmal runtergehen werde. Mich vorstellen, fragen, wann ich anfangen kann, und herausfinden, wo ich ein paar Reinigungsmittel finde, um die Bude hier wenigstens halbwegs bewohnbar zu machen.

Als ich vor dem Laden stehe, sehe ich das Schild: „Maggie’s Hole“. Hä? Was ist das denn für ein Name? Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Hole, echt jetzt? Aber gut, es scheint wohl zu passen, denn als ich eintrete, wird mir klar, was das hier wirklich ist – ein Loch. Der Gestank ist noch schlimmer als oben in meiner Wohnung, das muss man erstmal hinkriegen. Und dann kommt auch schon diese eine Tussi auf mich zu. Sie erinnert mich sofort an Peggy Bundy aus „Die schrecklich nette Familie“. Nur dass Peggy in den 90ern vermutlich etwas mehr Stil hatte. Sie wackelt auf mich zu und fängt an zu reden. Vermutlich ist sie Kettenraucherin und hat den ein oder anderen Schnaps zu viel intus. Joe Cocker lässt grüßen, denke ich mir.

»Ach, du bist schon da? Na, dann kannst du gleich anfangen. Putzmittel findest du hinter der Bar, da ist ein Abstellraum. Hier gab’s gestern wieder ’ne ordentliche Schlägerei, also, du weißt schon. Das Blut und die Getränke sind schon angetrocknet, aber du kümmerst dich darum, dass heute Abend alles wieder strahlt. Jetzt geh und beweg deinen kleinen Arsch.«

Bevor ich auch nur ein Wort erwidern kann, ist sie auch schon wieder verschwunden. Einfach weg. Und ich stehe da, völlig fassungslos. Schau mich um. An dem Tresen sitzen ein paar ziemlich aufreizend gekleidete Mädels, die offensichtlich nicht wirklich an Arbeit interessiert sind, und ein Typ hinter der Theke, der hier scheinbar arbeitet. Ich gehe hinüber, um mich vorzustellen, aber die Blicke, die ich bekomme – abwertend, fast schon verachtend – sagen mir alles. Alles klar, dann eben nicht.

Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer, wo ich hier gelandet bin, aber irgendwie hoffe ich, dass ich mich hier nicht allzu lange aufhalten muss. Aber wahrscheinlich werde ich mit meinem Glück noch Weihnachten in diesem Drecksloch verbringen.

Bei jedem Schritt klebe ich förmlich an diesem beschissenen Boden fest. Der Dreck ist überall und irgendwie ist es auch mehr als nur ekelhaft. Als ich mit dem Eimer und den Reinigungsmitteln zurückkomme, ist niemand mehr hier. Zum Glück, denke ich mir, denn in all den Jahren, wurde mir beim Putzen schon lange genug zugeschaut. Ich kippe den Eimer mit warmem Wasser auf den Boden und beginne, zu schrubben. Der Dreck ist wirklich hartnäckig, fast schon widerspenstig, aber was soll’s. Ich habe schon schlimmeres wegmachen müssen, wenn die Mädels mal wieder einen ihrer widerlichen Tage hatten. Solange hier kein echter Scheißhaufen liegt oder Tampons voller Blut an den Wänden hängen, geht’s ja noch.

Die Frau, vermutlich ist Maggie ihr Name, kommt schließlich doch nochmal zu mir. Ich drehe mich zu ihr und frage, ob ich mich an den Getränken bedienen darf und vielleicht auch Musik anmachen kann, um ein bisschen Stimmung zu bekommen. Sie schaut mich mit einem Blick an, der so kalt wie der Winter in Alaska wirkt. »Alles, was du trinkst, zieh ich dir vom Lohn ab«, sagt sie knapp. »Und hinter der Bar steht ein kleiner CD-Player, den kannst du benutzen. Aber von der großen Anlage, lass die Finger weg. Die war teuer. Und sollte ich merken, dass du mich beklaust, bist du schneller wieder da, wo du herkommst.«

Ich schaue sie an und zucke mit den Schultern. »Sie wissen aber schon, dass ich unschuldig bin?«, frage ich mit einem Hauch von Sarkasmus in der Stimme. Sie winkt nur ab, dreht sich um und geht.

Na super, denke ich mir. Das ist also das neue Leben, das ich hier führen soll. Ich nehme mir ein Glas Wasser und öffne den CD-Player hinter der Bar, um zu schauen, welche CD da drin liegt. Es ist „LeAnn Rimes“ – sagt mir nichts. Aber was soll’s, ich drücke auf den Play Button und lasse mich von der sanften, aber kraftvollen Stimme der Sängerin überraschen. Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich mit dem Boden fertig bin. Aber immerhin geht es voran.

Nachdem ich endlich fertig bin, verabschiede ich mich mit einem höflichen Lächeln, von der Frau die nicht mal zurücklächelt. »Wie ist eigentlich ihr Name?«, möchte ich noch wissen. »Kannst du nicht lesen, was über der Bar steht?«, keift sie mich an. Dann lag ich mit meiner Vermutung ja doch richtig, dass dieser Peggy Bundy Verschnitt, die Besitzerin Maggie sein muss. Direkt aus der Hölle in die Hölle. Als ich dir Bar verlasse schaue ich mich um und mache mich auf die Suche nach etwas Essbarem. Seit dem mickrigem Frühstück heute morgen im Gefängnis, habe ich nichts mehr gegessen, und der Hunger macht sich langsam bemerkbar. Zu meinem Glück finde ich gleich um die Ecke eine kleine Pizzeria. Wow, frische Pizza – das habe ich schon viel zu lange nicht mehr gehabt. In der Pizzeria angekommen, werde ich herzlich empfangen. Ich will in dieser beschissenen Bude nicht essen, also setze ich mich an einen kleinen Tisch, bestelle mir eine Sprite und eine große Salamipizza mit extra viel Käse.  Während ich schon an meiner Sprite nippe, schweift mein Blick durch den Laden. In der Ecke sehe ich ihn: den Typen, der vorhin auch in der Bar hinter dem Tresen stand. Er hebt sein Glas und nickt mir zu. Ich nicke zurück, aber dann wende ich meinen Blick schnell ab. Neue soziale Kontakte? Nicht mit mir. Ehrlich gesagt, habe ich gerade keinen Nerv, neue Leute kennen zulernen.

Meine Pizza kommt, und der Duft ist einfach göttlich. Ich kann kaum glauben, wie lange ich keine frische Pizza mehr hatte. Jeder Bissen ist ein Genuss. Der Käse, die Wurst, der knusprige Boden – ich genieße es richtig. Die Pizza ist jedoch viel zu groß, um sie alleine zu schaffen, weshalb ich mir den Rest einpacken lasse. Beim Bezahlen, gebe ich der netten Bedienung noch ein Trinkgeld, bedanke mich für das leckere Essen und weiß, hier werde ich öfter essen, so lange ich hier bin. Beim verlassen des Ladens, schweift mein Blick noch einmal durch den Raum und kann erkennen, dass der Typ mir nachschaut. Aber ehrlich gesagt? Scheiß drauf. Ich habe wirklich keinen Bock auf irgendwas, was hier passiert.

Also gehe ich zurück in dieses verfluchte Loch, wo ich meine Ruhe und die Einsamkeit genießen kann, die mir so viele Jahre verwehrt geblieben ist. Aber vorher hole ich noch schnell einige der Putzmittel aus der Bar und schleppe sie mit nach oben. Die Wohnung wird sicher nicht besser, da würde nur ein Abriss helfen, aber wenigstens kann ich sie dann einigermaßen ertragen, wenn ich sie von all dem Dreck befreit habe und mich beim Setzen auf die Couch keine Angst haben muss, im Staub ersticken zu müssen.